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Maria Bongers

Maria Bongers, Diplom-Sozialarbeiterin

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E-Mail: maria.bongers@skf-recklinghausen.de

 
Recklinghausen, 21. Februar 2011  

Eine Frau für 114 Flüchtlinge

Von Theresa Breuer

Willkommen in Deutschland steht oben auf der Internetseite des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Der Willkommensgruß relativiert sich schnell, wandert der Blick erst auf die wuchtigen Schlagwörter "Einbürgerung" und gleich daneben "Rückkehrförderung". Politisch gesehen: ein riesiger Apparat. Menschlich gesehen ist es ein Kraftakt. Einer mit Herzblut, wie Maria Bongers sagt. Sie ist Sozialarbeiterin beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und kennt die Gesichter hinter den Fallzahlen.

Frau Bongers, wie viele Flüchtlinge leben hier und welche Aufgabe hat der SkF (Sozialdienst katholischer Frauen) dabei?

Derzeit sind 114 Flüchtlinge in Recklinghausen. Früher waren es mal mehr, die für sie zuständig waren, jetzt bin ich es allein.

Das heißt, Sie kennen alle 114 Menschen?

Ja. Ich bin seit elf Jahren hier und betreue die Flüchtlinge, die natürlich ständig wechseln. Ich bin Sozialarbeiterin und Krankenschwester. Das hilft mir bei meiner Arbeit. Ich sehe mich in einer Art Drehtür-Funktion. Das heißt, ich gucke mir die Leute an und sehe eigentlich aus Erfahrung, was zu tun ist. Schwierig ist es natürlich trotzdem, weil die Menschen kein Deutsch sprechen.

Was meinen Sie konkret mit der Drehtür-Metapher? Wie sieht Ihre Arbeit aus?

Ich habe zum Beispiel großes Augenmerk auf Frauen, was sexuelle Übergriffe angeht. Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Rückenschmerzen und die Körperhaltung sind Indizien. Es geht darum, das Unaussprechliche auszusprechen. Das Trauma bleibt, aber ein Therapeut kann da helfen. Ich hatte mit Frauen zu tun, die erst kurz vor der Abschiebung von dem erzählt haben, was passiert ist. Es gibt Sprechstunden für Flüchtlinge hier an der Kemnastraße und am Neumarkt. Ich gebe Informationen an Schulen und Kindergärten heraus, helfe Kontakte zu Ärzten, Ämtern, Sprachkursen, Therapeuten zu bekommen. Manche sind ganz ohne Papiere hier oder sind Analphabeten.

Wie stehen die Chancen für Flüchtlinge, hier bleiben zu dürfen?

!Ich habe das nicht zu bewerten und nicht zu entscheiden. Wir arbeiten aber nach dem Pro-Klienten-Prinzip. Wenn nichts zu machen ist, berate ich aber auch in Richtung Rückkehr. Ich möchte den Menschen Rüstzeug mitgeben, dass sich ihre Situation auch im Heimatland bessert. Es macht sich niemand aus Spaß auf den Weg. Auch wenn die Anerkennungsquote gestiegen ist, liegt sie nur bei fünf Prozent. Der Großteil der 114 Flüchtlinge wird wohl abgelehnt, ansonsten würde es auch eine Sogwirkung geben. Die Entscheidung darüber fällt in den nächsten Monaten, früher dauerte ein Verfahren manchmal zehn, zwölf Jahre. Es
ist für die Menschen schwer zu beweisen, dass sie im Heimatland in Gefahr sind.

Aus welchen Ländern kommen die Flüchtlinge? Sind auch Tunesier darunter?

Nein. Sobald Flüchtlinge ein sicheres Drittland betreten, ist das Land zuständig. Bei den tunesischen Flüchtlingen ist das jetzt Italien. Hier sind es jetzt vor allem Menschen aus dem Irak, dem Iran, aus Serbien, Mazedonien, Ostafrika, die Antrag auf Asyl stellen. Ende 2010 sind Recklinghausen 100 neue Flüchtlinge zugewiesen worden. Sie kommen aus Bosnien und Albanien. Bis auf den Kosovo brauchen die Menschen aus den Balkanländern keine EU-Visa mehr zur Einreise. Sie werden dann nach Quote auf die Länder verteilt.

Wo sind diese Menschen in Recklinghausen untergekommen?

Früher gab es mehrere Unterkünfte: am Waldschlösschen, auf der Hillerheide, an der Dortmunder Straße... Acht waren es wohl. Heute sind es noch zwei, an der Vincke- und der Herner Straße. Vier Häuser stehen dort noch zur Verfügung.

Die Unterkünfte haben keinen sonderlich guten Ruf.

(Zögert) Ich bewege mich da natürlich auf dünnem Eis. Sie sind schlicht, ja. Es gibt Sammelduschen und Gemeinschaftstoiletten. Es hängt aber auch viel von den Menschen ab, die darin wohnen. Manches müssen sie einfach untereinander regeln. Es ist klar, das ist hier kein Wunderland, kein Paradies. Es gibt eben auch Grenzen, das erkläre ich immer wieder. Wer bestimmte Bedingungen erfüllt, hat aber die Chance in Privatwohnungen umzuziehen.

Ist das nicht eine belastende Arbeit, vor allem mit dem Wissen, dass die meisten Flüchtlinge wieder zurück müssen - oft in ungewisse Verhältnisse?

Ich sage den Menschen immer, fangt sofort an zu lernen. Alles, was du im Kopf hast, brauchst du nicht in den Koffer zu stecken. Eins plus eins ist auch in Afrika zwei. Wenn man möchte, kann man hier viel schaffen. Manche Menschen können unser System gut nutzen. Ich denke da zum Beispiel an einen Armenier. Der hat sich ganz toll entwickelt und darf bleiben. Andere muss man immer wieder an die Hand nehmen. Es ist auch eine schöne Arbeit. Es ist mir ganz wichtig, das zu sagen. Man bekommt viel zurück. Es steckt einfach ganz viel Herzblut drin. Die Menschen, die hier eine Zukunft haben, sind wertvoll für uns.

Recklinghäuser Zeitung vom 21. Februar 2011