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Recklinghausen, 16. April 2012  

Die Zweifel der Anderen

Nachfahren der Wolgadeutschen: Olga Müller über das Grfühl, sich immer wieder bewähren zu müssen

Von Theresa Breuer

"Hier werden wir wie Russen abgestempelt", sagt Olga Müller. Es kostet sie Kraft,
die Geschichte ihrer Eltern zu erzählen, die im Zweiten Weltkrieg als
"deutsche Kollaborateure" in ein Arbeitslager deportiert wurden.  

Mehr als 70 Jahre ist es her, dass Olga Müllers Eltern ins Arbeitslager nach Ust-Port ins westsibirische Krasnojarsk deportiert wurden. Spätestens dann, im Zweiten Weltkrieg, mussten sich die Wolgadeutschen fragen lassen, ob sie nun Deutsche oder Russen sind. Die Frage zieht sich wie ein roter Faden durch Olga Müllers Leben. Für sie ist die Antwort eindeutig. Was schmerzt, sind die Zweifel der anderen.

"Wenn eine Hündin im Schweinestall wirft, was ist sie dann? Was sind ihre Welpen dann?", fragt die Frau mit den roten Locken. Die Metapher ist Sinnbild für Olga Müllers Leben und die Auseinandersetzungen, die sie immer wieder um ihre Herkunft hat führen müssen. "Hier werden wir als Russen abgestempelt", sagt sie und unterdrückt aufsteigende Tränen. Auch weil sie sich gut erinnert, dass ihre Eltern wiederum in Russland während des Zweiten Weltkriegs als deutsche Kollaborateure beschuldigt und ins Arbeitslager deportiert wurden.

Deutsche oder Russen? Das Thema bewegt sie bis heute. Immer wieder hat sie sich in Deutschland besonders beweisen müssen, auf der Arbeit zum Beispiel. "Da waren die Deutschen und dort waren wir. Die, die sich erst bewähren mussten." Auch, weil sie einen leichten Akzent hat.

Ausgrenzung in potenzierter Form haben schon ihre Eltern erfahren. Sie sind Wolgadeutsche, Nachfahren deutscher Einwanderer also, die im 18. Jahrhundert von Zarin Katharina II. angeworben wurden, die Region an der Wolga nutzbar zu machen. Im Zweiten Weltkrieg dann sah die Sowjet-Regierung in ihnen eine Gefahr. Sie könnten sich an ihre Herkunft erinnern und auf die Seite der angreifenden Deutschen schlagen. 1941 wurden die Eltern ins Arbeitslager deportiert, weit weg von der Wolga, kurz vor den Polarkreis nach Sibirien. Erst dort lernten sich die Eltern kennen. Bis sie zurück konnten, vergingen lange Jahre. Erst 1958 durften sie Sibirien verlassen. Zurück an die Wolga konnten sie dennoch nicht.

Kasachstan sollte ihre neue Heimat werden. Mittlerweile hatten sie einen Sohn und eine kleine Tochter, Olga. Sie wurde 1953 geboren. Sie ist in Kasachstan zur Schule gegangen, hat eine Ausbildung zur Kartografin gemacht. Eigentlich, sagt Olga Müller, habe sie nur gute Erinnerungen an Kasachstan. "Menschlich war es dort wärmer als hier."

Später lebte sie in Leningrad, heiratete dort. Als der Mann früh verstarb, ging sie zurück zu den Eltern nach Kasachstan. Mit 23 entschied sie sich, nach Lettland zu gehen. Dort lebten Bekannte aus Ust-Port, wusste sie. Sie fand Arbeit in einer Chemie-Fabrik, besuchte eine Medizin-Schule und wurde Krankenschwester. Angst, sagt sie, kenne sie nicht. "Meine Eltern waren sesshaft, aber ich wollte immer was Neues erleben." Sie war auf der Suche. Und mit ihr ihre beiden Kinder.

1993 kam Olga Müller nach Recklinghausen, mit den Kindern, den Eltern und einem Bruder. Untergekommen sind sie für zwei Jahre im Übergangswohnheim Am Leiterchen. "Alles war neu und schrecklich. Die Gesetze, die neue Freiheit - all das hat mich erstmal umgehauen." Und die Sprache? "Wir haben immer Deutsch gesprochen", sagt sie mit Nachdruck. Nach einem Praktikum hat sie Arbeit gefunden. Damals spürte sie versteckte und offene Diskriminierung. "Das war schlimm", sagt sie. "Ich konnte arbeiten und ich hatte eine Ausbildung wie alle anderen auch. Dennoch musste ich mir den Weg immer wieder mit Ellbogen frei machen."

Gearbeitet hat Olga Müller in verschiedenen Recklinghäuser Krankenhäusern und bei der Diakonie. Jetzt kann sie es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. In Recklinghausen ist sie angekommen. Ihre Kinder und mittlerweile Enkelkinder leben hier. Die Frage nach der Aufenthaltserlaubnis stellte sie sich nie. "Es war von Anfang an klar, dass wir hierbleiben dürfen." Seit den 70er-Jahren durften die Wolgadeutschen offiziell nach Deutschland einreisen. Die meisten wurden eingebürgert.

Immer montags besucht Olga Müller jetzt den Internationalen Frauentreff, den der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) für Frauen mit und ohne Migrationshintergrund organisiert. Im Herbst 2011, meint Müller, sei sie irgendwann "hier 'reingeschneit". Sie unterhält gerne Leute, sagt sie. Eigentlich ist sie nämlich taff und gut gelaunt. "Ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort", meint sie. Es kostet sie Kraft, sich immer wieder zu erklären.

"Ich denke, die Ernsthaftigkeit des Lebens ist sehr prägend", sagt Maria Bongers, die zum Gespräch dazukommt. Sie ist Sozialarbeiterin beim SkF, betreut Migranten und Flüchtlinge in Recklinghausen. "Ihr könnt aus nichts viel machen", sagt sie anerkennend in Richtung Olga Müller. Und dann sagt sie noch: "Die Spätaussiedler haben uns bei unserer Arbeit geholfen."

Quelle: Recklinghäuser Zeitung