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Recklinghausen, 4. Oktober 2012  

Flucht vor Tod und Terror

Muhamed Al Maree und seine Familie haben in Syrien alles verloren, aber das Wichtigste gerettet: ihr Leben

Von Ulrike Geburek

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24 Quadratmeter Deutschland. Das ist Muhamed Al Marees neues Zuhause. Der Syrer sitzt an einem wackeligen Tisch in der Flüchtlingsunterkunft an der Vinckestraße, hält ein Bild in den Händen. Darauf hat der 38-Jährige ein Haus gemalt. Mit einem roten Dach. Aber auch Panzer, die schießen, und Flugzeuge, die Bomben abwerfen.

Muhamed Al Maree hat seinen Besitz verloren. Seine Existenz ist zerstört. Trotzdem wirkt er nicht verzweifelt. Denn das Wichtigste konnte er retten: sein Leben. Und das seiner Familie. "Darum bin ich zufrieden", sagt er, nickt. Der Mann in dem blauen Hemd und der dunklen Jeans sieht trotzdem traurig aus, nachdenklich, wie er dort sitzt mit Blick auf die drei einfachen Matratzen, das Bett, den Schrank in der Ecke, auf die Stofftiere seiner Kinder und die karge Wanddekoration.

Die Flucht vor dem Bürgerkrieg in Syrien, vor Tod und Folter, vor dem Terror des Machthabers Baschar al-Assad endete für Muhamed Al Maree vor drei Wochen in Recklinghausen. Mit wenigen Worten schildert er dem Dolmetscher und uns die dramatische Situation in seiner Heimatstadt Damaskus. Er spricht über Zerstörung und Gewalt, darüber, dass es keine ärztliche Versorgung mehr gibt, keine Läden, um wenigstens das Allernötigste einzukaufen.

Und mittendrin: Muhamed Al Maree, ein Oppositioneller, plötzlich obdachlos und ohne Arbeit, denn das Restaurant, in dem er kellnerte, ist ebenfalls zerstört. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Chadya Bro (27) und den zwei kleinen Kindern, der fünfjährigen Aeman und der dreijährigen, schwerbehinderten Janam, flüchtet er in ein neues Leben. "Wir sind nun frei", erklärt der sympathische Kurde. "Das ist das Entscheidende. Wir sind endlich sicher, weit weg vom Krieg." Die Erleichterung ist ihm anzumerken. Der Asylantrag ist gestellt. Der schlichte Wohnraum mit Gemeinschaftstoilette, -bad und -küche scheint für ihn in solchen Momenten nebensächlich.

"Sie sind genügsam und geduldig. Dabei müssen sie hier unter beengten Verhältnissen wohnen. Vor allem mit einem behinderten Kind ohne Rückzugsmöglichkeit ist das sehr schwierig", berichtet Maria Bongers, Sozialarbeiterin vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), die die Flüchtlinge in Recklinghausen betreut. Sie steht dieser und ebenso einer weiteren syrischen Familie in der schweren Eingewöhnungszeit bei. Die engagierte Frau hilft ihnen, erst einmal Fuß zu fassen, anzukommen, sich zu orientieren in einem Land, dessen Sprache sie (noch) nicht beherrschen, in einem Land, dessen Bürokratie sogar die Deutschen häufig überfordert.

Muhamed Al Maree ist dennoch voller Tatendrang, will sich nicht unterkriegen lassen. Auch wenn sein Herz immer wieder schwer wird. Etwa wenn er an seine Eltern im fernen Syrien denkt. Der Kontakt ist nämlich abgebrochen. Oder wenn er Töchterchen Janam anschaut. Zurzeit wird das behinderte Mädchen in der Dattelner Kinderklinik untersucht. Mama Chadya ist bei der Dreijährigen.

Ein Lichtblick ist da Wirbelwind Aeman. Fröhlich hüpft sie durch den Raum. In weißer Jeans, geblümtem T-Shirt und Turnschuhen mit lila Schnürsenkeln sieht sie wie ein ganz normales Mädchen aus. Den großzügigen Kleiderspenden an den SkF sei Dank. Die Strapazen der Flucht sind der Kleinen mit den langen, braunen Haaren nicht mehr anzusehen. Sie geht gerne in den Kindergarten, hat sich dort schon mit Jungen und Mädchen angefreundet, freut sich auf das Leben in der neuen Stadt. Denn Recklinghausen ist für sie längst mehr als nur 24 Quadratmeter Deutschland.

Quelle: Recklinghäuser Zeitung