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Sozialdienst katholischer Frauen Recklinghausen e.V.

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Recklinghausen, 12. Januar 2015  

"Ansonsten spricht das Herz"

Maria Bongers betreut die Flüchtlinge in den Unterkünften der Stadt

Sie ist noch nicht ganz aus ihrem Auto ausgestiegen, da tönt es bereits aus der ersten Etage: "Hallo, Frau Maria", ruft die blonde Frau, die am Fenster des Flüchtlingswohnheimes an der Vinckestraße steht. Maria Bongers winkt kurz hinauf, geht dann mit festem Schritt ins Haus.

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Maria Bongers strahlt bei allen Problemen vor allem stets viel Energie aus.

180 Männer und Frauen sind in den drei Gebäuden an der Vinckestraße untergebracht. Vor allem stammen sie aus Syrien, aus Eritrea, aus dem Irak und aus den Balkanstaaten. Sie sind auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Verfolgung in Recklinghausen gelandet. "Ja, die Lage hat sich in den vergangenen Monaten zugespitzt", bestätigt Maria Bongers. Die Sozialarbeiterin des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) betreut seit Jahren die Flüchtlinge in der Stadt. Verstärkung hat sie mittlerweile durch Sibylle Averdung erfahren, die mit einer halben Stelle das Wohnheim an der Herner Straße betreut. Der Berg an Problemen, der sich auftürmt, ist
viel zu groß, als dass er von den beiden Fachfrauen allein bewältigt werden könnte. Bongers weiß, wovon sie spricht.

Seit 16 Jahren macht sie den Job, der ihr alles abverlangt. Unterstützt wird sie dabei aktuell von rund 20 ehrenamtlichen Helfern, die insbesondere Flüchtlinge betreuen, für die eine Wohnung gefunden wurde. "Hilfe wird an vielen Stellen benötigt", sagt Bongers. Zum Beispiel bei Behördengängen, wo für viele Flüchtlinge allein die Sprachbarriere schon zum unüberwindbaren Hindernis wird.

Was ist das größte Problem in den Unterkünften? Da muss Maria Bongers nicht lange überlegen. "Es fehlt an vernünftigem Wohnraum. Wenn so viele Leute aufeinander wohnen, kommt es automatisch zu Problemen. Auch deshalb, weil man sich nicht aus dem Weg gehen kann", sagt die SkF-Mitarbeiterin. Und natürlich ist auch die Sprachbarriere ein echtes Problem. Auf die Frage, welche Sprachen sie selbst spricht, antwortet die Sozialarbeiterin: "Englisch und ein wenig Französisch." Mit einem Lächeln fügt sie hinzu: "Ansonsten spricht das Herz."

Für den Otto Normalverbraucher sind die Zustände an der Vinckestraße indiskutabel. Auf den Fluren stapeln sich Möbel, keine Ecke, in der nicht irgendein Teil herumsteht, auf den ersten Blick erkennt man, dass die Gebäudesubstanz hinüber ist. In den Zimmern ist es eng, mehrköpfige Familien müssen sich einen Raum teilen. Pro Flur gibt es eine Küche, alle Bewohner müssen mit Gemeinschaftsduschen klarkommen, teilen sich wenige Toiletten. Doch Bongers relativiert die Situation. "Man muss auch sehen, dass die Menschen, die damit zurechtkommen, ganz andere Dinge gewohnt sind. Ich betreue Menschen aus Afrika, die haben dort auf der Flucht über Wochen in einem Erdloch gelebt. Ein Mann aus Syrien war in drei Gefängnissen gefangen, ehe er den Weg nach Deutschland gefunden hat."

Wenn diese Menschen hier ankommen, sind sie fertig mit der Welt, durch für uns unfassbare Erlebnisse traumatisiert. Besonders gilt das für Frauen und Mädchen aus Afrika, die echte Martyrien hinter sich haben. Sie wurden geschlagen, bedroht und vergewaltigt, können aber vielfach über das Durchgemachte nicht sprechen. "Dann wird es auch mit einer Therapie ganz schwierig, zumal es kaum Therapeuten gibt, die ihre Muttersprache sprechen", berichtet Bongers. Über die Jahre ist aber die Erkenntnis bei ihr gereift, "dass wir nicht für alles verantwortlich sind. Letztlich kommt es auch darauf an, wie sich die Menschen für sich selbst engagieren. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, zu differenzieren." Sie glaube zum Beispiel längst nicht mehr alles, was ihre Schützlinge ihr erzählten.

Ein echter Trumpf ist ihr großes Netzwerk. Das Sozialamt und das Ausländeramt sehe sie als Partner. "Wir arbeiten und reden miteinander." Froh ist die Expertin, dass die Stadt nun den Bau von neuen Flüchtlingsheimen plant. 4,5 Millionen Euro sollen dafür in den nächsten Jahren ausgegeben werden. Entstehen sollen Unterkünfte, die durch andere Raumkonzepte ermöglichen, ein Mindestmaß an Privatsphäre zu bewahren.

Auch wenn es an allen Ecken und Enden an professioneller Betreuung durch Rechtsanwälte, Therapeuten oder andere Experten mangelt, versucht Bongers ihr Bestes. "Ich bin dazu da, die Menschen auf die Schiene zu stellen, ich schiebe sie auch an, aber fahren müssen sie allein. Ich selbst kann nicht die Lokomotive sein." Ja, die Menschen haben es aus Afrika bis nach Recklinghausen geschafft, doch wenn sie dann beim Ausländeramt oder der Agentur für Arbeit sitzen, sind sie in der für sie neuen Welt überfordert. Gerne würde Maria Bongers tiefer in die Fälle einsteigen, doch dazu fehlen die Kapazitäten. "Es würde helfen, wenn wir mehr Bürger für ein ehrenamtliches Engagement begeistern könnten, die zum Beispiel die Patenschaft für eine Familie übernehmen, Kinder zu Sportvereinen oder zur Einschulung begleiten." Was der gelernten Sozialarbeiterin am Herzen liegt: "Die Arbeit muss Qualität haben, deshalb müssen eigentlich auch die Ehrenamtlichen professionell betreut werden."

Während Maria Bongers erzählt, geht sie von Tür zu Tür, führt kurze Gespräche mit ihren Schützlingen, die teilweise schon mit einem Behördenbrief in der Hand auf sie warten. "Maria gut!", lacht ein Mann um die 50 und reckt den Daumen in die Höhe. Einmal in der Woche bietet Maria Bongers in der Vinckestraße von 10 bis 11 Uhr eine Sprechstunde an. Ausreichend ist das nie. Und so macht sie sich nicht selten erst nach 20 Uhr auf den Heimweg nach Gelsenkirchen. "Dann bin ich fertig, aber ich bin auch glücklich, weil ich von den Menschen getragen werde." Und auch ihr christlicher Glaube helfe ihr bei der Arbeit. "Natürlich frage ich mich manchmal, woher ich die Kraft nehme und warum die Dinge zu mir kommen. Glaube ist, stark zu sein, glücklich zu sein, positiv zu sein, aber auch nehmen zu können."

Die Bürger fordert sie auf, offen zu sein, auf die Flüchtlinge zuzugehen, sie nicht allein zu lassen. Im Hinterkopf hat sie dabei die Geschichte eines Mannes aus Nigeria. Der hat ihr erzählt: "Ich weiß nicht, was ich habe. Ich gehe in die Kirche und niemand setzt sich neben mich."